Kulenkampffs Schuhe

20:16 - 21:49
Geschichte, D 2018
Regie: Regina Schilling
Mit: Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal, Peter Alexander, Horst Tappert, Martin Jente, Robert Lembke
Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander und Hans Rosenthal waren die Fernsehhelden der 1960er- und 1970er-Jahre. Ihre Shows versprachen leichte Unterhaltung, heile Welt. Der Dokumentarfilm von Regina Schilling eröffnet eine ganz neue Sicht auf das Unterhaltungsfernsehen der Bundesrepublik Deutschland: Es war angetreten, eine ganze Nation von ihren Kriegstraumata zu therapieren, ein unverzichtbarer Ruhepol. Der Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe", der vollständig aus Archivmaterial besteht, zeigt anhand von zahlreichen Show-Ausschnitten von damals, Interviews, privatem Super-8-Material, historischen Dokumenten und Fotos Nachkriegsgeschichte auf überraschende, ungewöhnliche und berührende Art und Weise. Ein Film, der generationsübergreifend erforscht, wie die Deutschen wurden, was sie sind. Mit Einschaltquoten von 80 Prozent erlebte das Fernsehen in den der 1960er- und 1970er-Jahren goldene Zeiten. Die Familie saß am Samstagabend im Wohnzimmer, alle freuten sich auf "Einer wird gewinnen" mit Hans-Joachim Kulenkampff oder die "Peter-Alexander-Show". Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Alexander waren auch die großen Helden der Familie von Regisseurin Regina Schilling. Und natürlich, etwas später, Hans Rosenthal mit "Dalli Dalli". Die Quizshows verhießen Entspannung - und die hatte Schillings Vater nötig. Er arbeitete rund um die Uhr in seiner eigenen Drogerie. Eine Drogerie im Nachkriegsdeutschland? Kaum etwas wurde mehr gebraucht: aufräumen, Wunden heilen, reparieren, saubermachen, Schädlinge bekämpfen. Was sahen die Väter der Kinder, die da im Schlafanzug vor dem Fernseher saßen, in den Showmastern? Wussten sie, dass Kulenkampff sich an der Ostfront vier Zehen eigenhändig amputiert hatte? Fragten sie sich, ob Peter Alexander wohl auch bei der Hitlerjugend gewesen war? Bei der Wehrmacht, in Kriegsgefangenschaft - wie die meisten jungen Männer dieser Generation? Hatten sie davon gehört, dass Hans Rosenthal jüdisch war, sich in den Kriegsjahren als Vollwaise in einer Berliner Laube versteckte und jeden Moment damit rechnen musste, deportiert zu werden? Die Showmaster gehörten wie Regina Schillings Vater einer sehr besonderen Generation an: erst missbraucht vom Nationalsozialismus, dann eingespannt in das Hamsterrad der Nachkriegszeit, die von Traumatisierungen nichts wusste oder nichts wissen wollte. Redaktionshinweis: Leichte Unterhaltung gegen die Folgen des Krieges - die Fernsehunterhaltung half einer ganzen Generation bei der Überwindung ihrer Kriegstraumata. Kaum ein Film hat das so brillant thematisiert wie der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe" von Regina Schilling, den 3sat als Auftakt des 3satThemas "Die große Nachkriegsshow" zeigt. Im Anschluss diskutiert "Kulturzeit"-Moderatorin Cécile Schortmann unter anderen mit Harald Jähner (Autor des Buches "Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955") und Hugo Egon Balder über die Shows der Nachkriegszeit und ihre Showstars und fragt: vergessen, verdrängen oder doch eher lachen und über die Vergangenheit reden? Die Folge der Kulenkampff-Show "Einer wird gewinnen", die in Regina Schillings Film thematisiert wird, sowie eine Folge von Hans Rosenthals Show "Dalli Dalli" lassen das Fernsehpublikum ab 22.15 Uhr die Stars der damaligen Zeit noch einmal unmittelbar erleben.