Nachtcafé

10:17 - 11:47 // Die SWR Talkshow
Talkshow, D 2018
Jeder zehnte Deutsche fühlt sich neuen Studien zufolge einsam. Dabei ist das Gefühl, völlig allein zu sein, keine Frage des Alters. Ein "Nachtcafé" zum Thema Einsamkeit. Ungewollt einsame Menschen haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko und eine verkürzte Lebenserwartung. Aber Einsamkeit kann auch eine Kraftquelle sein. Denn was die einen als furchtbaren Zustand empfinden, ist für andere ein erstrebenswertes Ziel. Die Gäste bei Michael Steinbrecher: Barbara Siebeck und der Gastrokritiker Wolfram Siebeck waren 48 Jahre ein unzertrennliches Paar. Der Austausch über kulinarische Köstlichkeiten, Kultur und Kochraffinessen waren die Zutaten ihres gemeinsamen Lebens. Doch seit dem Tod des Gourmets vor zwei Jahren ist alles anders. Schlagartig ist Stille eingekehrt, dazu gesellt sich die Einsamkeit: "Das ist ein ganz bitteres Gefühl. Es ist mehr als Leere, denn ein Teil von mir ist nicht mehr da", so die Witwe. Nach einem Ort der absoluten Stille hat Einsiedlermönch Bruder Markus sehr lange gesucht. Und schließlich auf 1800 Metern Höhe gefunden: Der ehemalige Informatik-Ingenieur lebt komplett von der Zivilisation abgeschieden auf einer Alm in den Walliser Bergen. Um ins nächstgelegene Dorf zu kommen, muss er vier Stunden ins Tal absteigen: "Die Einsamkeit ist für mich die Voraussetzung, um innere Zufriedenheit zu erfahren", so der Eremit. Blitzlichtgewitter, roter Teppich und Applaus - seit 30 Jahren kennt Jenny Elvers nichts anderes als ein Leben im Rampenlicht. Doch die Glitzer-Fassade des Boulevards hat auch ihre Schattenseiten. Denn oft wartete nach ihren glamourösen Auftritten nur ein tristes Hotelzimmer auf die Schauspielerin: "Die Einsamkeit kriecht langsam in einem hoch. Keiner ist da, der einen auffängt oder mal in den Arm nimmt." Stattdessen wurde die Flasche Rotwein zu ihrem zuverlässigen Begleiter. Bis zum unausweichlichen Totalabsturz. Keine Familie, keine Freunde - gerade die besinnliche Zeit um Weihnachten fällt Hans-Joachim Dera besonders schwer. Seit drei Jahren lebt der 77-Jährige in einem Seniorenheim. Auch wenn er dort mit weiteren hundert Menschen zusammenwohnt, so verbringt er die meiste Zeit einsam in seinem Zimmer. Sein Auftritt im "Nachtcafé" am 15. Dezember 2017 brachte nur für kurze Zeit Veränderung: "Nach der Sendung bekam ich zwar ganz viele Briefe und wurde Heilig Abend sogar von einer Familie eingeladen. Aber aktuell sieht es so aus, dass ich wohl kommende Weihnachten wieder alleine verbringen muss." Allein in den eigenen vier Wänden, den Blick gebannt auf den Computer gerichtet - das war über Jahre das Leben von Laslo Pribnow. Der Student blühte bei Onlinespielen im Internet auf, seine Kontakte zu Freunden und Familie jedoch verkümmerten. Oft war er 18 Stunden am Stück gefangen in der Welt der Computerspiele und igelte sich komplett ein: "Ich bin verwahrlost, habe gestunken, war unterernährt. Soziale Kontakte waren nur noch Stress für mich." Es sind traurige Lebensläufe, mit denen sich Sigrid Diether beruflich beschäftigen muss. Denn sie kümmert sich in München um Bestattungen - von Amtes wegen. Was sehr förmlich klingt, hat einen bitteren Hintergrund. Denn immer mehr Menschen in Deutschland sterben völlig vereinsamt, haben weder Familie noch Freunde: "Das betrifft alle Gesellschaftsschichten. Der Großteil der Hinterbliebenen will auch nicht für die Bestattung aufkommen." Am Grab der Vergessenen unserer Gesellschaft stehen keine Trauergäste, nicht mal Blumen am Begräbnis sind vorgesehen. "Einsamkeit ist ein Phänomen unserer Zeit und die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern", sagt der Ulmer Psychiater, Hochschullehrer und Buchautor Manfred Spitzer. Aus Sicht des Neurowissenschaftlers ist Einsamkeit eine Krankheit mit fatalen Folgen für Körper und Seele, die nicht nur alleinstehende Rentner oder Singles treffen. Denn wer einsam ist, erkranke häufiger als andere an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz.