Pawlenski - Der Mensch und die Macht

22:25 - 00:05
Kunst + Kultur, D 2016
Regie: Irene Langemann
Der russische Politkünstler Pjotr Pawlenski näht sich den Mund zu, schneidet sich ein Ohrläppchen ab, wickelt sich in Stacheldraht. Mit seinen Aktionen erregt er international Aufsehen. Wer ist dieser Pawlenski, der seine Überzeugungen so radikal lebt, für Freiheit kämpft um den Preis seiner eigenen? Dokumentarfilmerin Irene Langemann begleitete Pjotr Pawlenski in Russland in Freiheit und während seiner dortigen Zeit in Haft. 2012 näht sich der russische Politkünstler Pjotr Pawlenski den Mund mit einem groben Faden zu, um in St. Petersburg den verurteilten Mitgliedern von Pussy Riot seine Solidarität zu bezeugen. Künstler - so will er zeigen -, seien in Russland zum Schweigen verurteilt. Im November 2013 setzt er sich nackt auf den Roten Platz in Moskau und nagelt seinen Hodensack fest. Die Aktion steht für politische Gleichgültigkeit in der russischen Gesellschaft. Bei den meisten Aktionen tut Pawlenski nichts: Er liegt, steht oder sitzt. Alles, was um ihn herum passiert, führen die Vertreter der Macht aus. Und er führt sie vor. Wie sie ihn wegschleppen, sich in Stacheldraht verheddern, den Nackten zu bedecken versuchen. Groteske Szenen. Erste Versuche, den Künstler anzuklagen, verlaufen im Sand. Eine Ärztin weigert sich, Pawlenski in ihrem Gutachten für unzurechnungsfähig zu erklären. Ein Untersuchungsrichter ist so fasziniert von seiner Persönlichkeit, dass beide schließlich lockere Gespräche über Kunst und Politik führen - Pawlenski hat sie heimlich aufgezeichnet. Der Ermittler hat mittlerweile den Dienst quittiert, arbeitet als Anwalt und ist froh, dass seine früheren Chefs nichts von den Aufzeichnungen wussten. "Sie hätten mich geköpft", sagt er im Interview. Schließlich wird eine symbolische Anspielung auf die Maidan-Bewegung Pawlenski zum Verhängnis: 2014, als in Kiew ein Winter der Hoffnung anbricht, zündet Pawlenski mit Helfern Reifen auf einer Petersburger Brücke an, sie schlagen mit Knüppeln auf Bleche und schwenken die ukrainische Fahne. Ein Gerichtsprozess wegen Vandalismus wird gegen ihn eingeleitet. Als er im November 2015 die Tür des FSB (früher: KGB) anzündet, wird er festgenommen, ein zweiter Prozess wird in Moskau gegen ihn angestrengt. "Das Tor zur Hölle brennt nicht" - der Angriff auf die mächtigste Institution des Landes, den russischen Geheimdienst, hat sein Tor zur Außenwelt erstmal verschlossen. Mithilfe der Originalprotokolle von Gerichtsverhandlungen sind der Autorin entblößende und auch immer wieder amüsant-groteske Szenen gelungen, die den Kampf "Kunst gegen Staatsmacht" bebildern. Ihr Dokumentarfilm gibt tiefe Einblicke in ein Russland, das sich nicht zum Schweigen verurteilen lässt.